Die Schulhäuser

Das erste Schulhaus

Im Jahre 1811 erwarb die Gemeinde von Georg Pedrett für 640 Gulden auf «Surmira» [1] ein Wohnhaus mit Stall und Garten. Das Haus wies zwei Stuben auf, was für die damaligen Bedürfnisse genügte, obwohl die Schülerzahl an die siebzig betrug. Die Kinder sassen auf langen Bänken eng zusammen, sodass der Schulraum nicht besonders gross zu sein brauchte.

Diese Verhältnisse konnten aber nicht andauern. Allenthalben erwachte das Verständnis für die Verbesserung der Volksschulen. In Andeer wurde mit den anfallenden Erbschaftssteuern ein Schulfonds errichtet, der auch durch anderweitige Einnahmen vermehrt werden sollte.

Die Schülerzahl stieg auf 140. Deshalb musste zeitweilig eine dritte Lehrkraft angestellt werden. Die Einteilung der Schulkinder geschah so, dass mit ihnen drei Klassen gebildet wurden, wie man damals sagte. Zur ersten Klasse gehörten die 6 bis 9-jährigen, zur zweiten die 9 bis 14-jährigen und zur dritten die älteren Jahrgänge. Weil das Schulhaus nur zwei Schulstuben aufwies, fand der Unterricht einer Klasse in einem Privathaus statt. [2]

Andeer baut ein neues Schulhaus

Die Frage, die sich zunächst stellte, war die: soll die Gemeinde das bisherige Schulhaus ausbauen oder ein neues Erstellen? Es wurde eine Kommission aus 13 Mitgliedern erkoren, die einen Vorschlag ausarbeiten sollte. [3] Sie kam aber nicht vom Fleck, weshalb dann eine sechsköpfige Kommission die Aufgabe übernahm. Ihr Antrag lautete, das bestehende Schulhaus auszubauen und zu erhöhen. Die Mauern sollten soweit tunlich in den Neubau einbezogen werden. Dieser Antrag fand in der Gemeindeversammlung vom 5. April 1847 Annahme und in nur 9 Monaten war der Bau fertig. Baumeister Nikolaus Weibel hatte die Pläne erstellt. Die Bauleitung besorgten Leonhard Lutta, Martin Grischott und zuletzt Domenig Cantieni.

Was immer möglich war, wurde in gemeinsamer Arbeit ausgeführt. Die Arbeitszeit wurde von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends festgesetzt mit einer zweistündigen Unterbrechung während der Mittagszeit. Je nach der wirtschaftlichen Lage der einzelnen Haushaltungen wurde vereinbart, dass diejenigen in der schwächsten Klasse 20 Fuder, diejenigen in der mittleren 30 Fuder und die stärksten 40 Fuder Aushub und Baumaterialien zu fahren hätten. [4]

Das neue Schulhaus galt weit und breit als mustergültig, weshalb der Kanton der Gemeinde eine Prämie von 400 Gulden zusprach. Die Gesamtkosten einschliesslich Gemeinwerk bezifferten sich auf 7000 Gulden.

Ansicht des Schulhauses erbaut 1848. Rechts davon kleines Haus mit Stall. Diese letzteren durch einen Anbau ersetzt.

Das neue Gebäude wies vier Stuben auf. Durch die Versenkung des oberen Teils der Trennwand konnten zwei Zimmer im ersten Stockwerk in einen einzigen Raum verwandelt werden, wo im Winter der Gottesdienst und das Jahr durch die Gemeindeversammlungen abgehalten wurden. Das obere Stockwerk wurde erst 1881 als Wohnung für die Pfarrerfamilie eingerichtet. Zeitweilig belegte auch der Arzt diese Wohnung. Im Parterre war die Realschule, die Sennerei, ein Feuerwehrlokal und das Gefängnis.

In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts erhielt das Dach noch einen Dachreiter mit einer kleinen Glocke Diese stammte aus der Eisenschmelze zwischen den beiden Ferreras und kündete den Bergknappen Beginn und Ende ihres Tagwerkes an. Während hundert Jahren rief dieses Glöcklein die Andeerer Schulkinder morgens und mittags zur Schule. [5] Ursprünglich wurde die kleine Kirchenglocke täglich für die Ankündigung des Schulbeginns geläutet, was aber doch etwas umständlich war. Im Jahre 1899 bestellte die Gemeinde Schulbänke in Tamins, die nach neuem System verfertigt waren. Der Schulhausplatz wurde 1877 durch den Erwerb der angrenzenden Wiese auf «Tranter Flimma sura» erweitert.

Das Turnen, bislang vernachlässigt, sollte mehr gepflegt werden. Mit einem Kostenaufwand von 1500 Franken wurde aus der Westseite des Schulhauses ein kleiner Raum angebaut, welcher als Turnlokal zu dienen hatte. [6] Im Jahre 1900 erwarb die Gemeinde das am Schulhaus angebaute Wohnhäuschen nebst Stall von Simon Grischott.

Im Schulbetrieb selbst trat im Jahre 1908 insofern eine Änderung ein, als eine 4. Lehrerstelle geschaffen und dadurch die Einführung der Sekundarschule ermöglicht wurde.

Am ersten Sonntag des Jahres 1848 konnte das Schulhaus mit einer gediegenen Feier seiner Bestimmung zugeführt werden. Dorfmeister war damals Paulus Pitschen.

Im Laufe von über hundert Jahren haben sich viele Generationen von Schülern ihr Wissen im beschriebenen Schulhaus geholt. Seit Jahren senden auch andere umliegende Gemeinden ihre Kinder zur Schule nach Andeer. Clugin, das seit 1733 eine eigene Schule führte und 1856 sogar ein neues Schulhaus baute, schloss sich 1871 in schulischer Hinsicht an unser Dorf an. Vor einigen Jahren tat die Gemeinde Pignia den gleichen Schritt. Die Werk- und Sekundarschüler aus den beiden Ferreras und aus dem Avers kommen ebenfalls nach Andeer. Diese Ausweitung des Schulkreises bringt an die 20 bis 30 Schüler mehr.

Vor hundert Jahren war die Rede eine Realschule zusammen mit Zillis zu gründen. Die Besprechungen wurden 1872/73 geführt. Nach Auffassung der Andeerer Schulbehörde hätte diese gemeinsame Schule im alten Gebäude vom «Bogn» draussen untergebracht werden sollen. Die Zilliser waren damit nicht einverstanden. In der Folge richtete dann jede der beiden Gemeinden eigene Real- und später Sekundarschulen ein.

Das ehemalige Schulhaus ist jetzt das Gemeindehaus.

Seit 1958 hat unser altes Schulhaus ausgedient. Es heisst heute «tgea da vaschinadi», Gemeindehaus, und wurde durch einen Anbau im Osten erweitert. Es enthält Räumlichkeiten für die Gemeindeverwaltung, mehrere Wohnungen, eine Soldatenunterkunft mit Speisesaal und Küche. Im Erdgeschoss hat die Feuerwehr ihr Depot. Heizungsanlage und Gefängnis sind ebenfalls dort untergebracht.

Das neue Schulhaus mit Turnhalle

Sein Standort ist auf «Tranter Flimma sut» in nächster Nachbarschaft des früheren Schulhauses. Die Gemeinde erwarb etwa die Hälfte der grossen Wiese «Tranter Flimma». Ein ansehnlicher Teil davon ist Pausenplatz.

Das neue Schulhaus, erbaut 1958

Die Einweihung des Schulhauses fand am 23. November 1958 statt. Es ist äusserst bedauerlich, dass diesem Neubau Mängel anhaften, die vermeidbar gewesen wären. Beispielsweise sind die Turnhalle und die Vorhalle für öffentliche Anlässe eher ungemütlich, auch die dortige Akustik lässt zu wünschen übrig. Die aus Granitsteinen bestehenden rohen Wände in der Vorhalle und in der Aula wirken eher kalt und abweisend. Die untere Etage des Gebäudes steckt im Erdboden. Verständlich, dass die Kleinkinderschule, die dort untergebracht war, bei erster Gelegenheit auszog. Von aussen betrachtet mag sich der Neubau sehen lassen. Störend wirken aber die Dachluken und der magere und reichlich hoch geratene Dachreiter.

  1. Der Ortsname «Surmira» ist heute nicht mehr geläufig. So hiess die Gegend beim heutigen Gemeindehaus. Auf alten Stichen ist das erste Schulhaus erkennbar.
  2. Es wurde in den Häusern «Pitschen» im Oberdorf (heute Burga-Piccoli), in der «Tgea Cotschna», Anbau des Gasthofes «Crusch Alva», und schliesslich in der «Filistinerstr» bei Hans Grischott-Andrea unterrichtet.
  3. Jeremias Gotthelf in seiner Novelle «Die Käserei in der Vehfreude» vermittelt uns im 22. Kapitel eine treffende Beschreibung der Kommissionen

    «Die grösste Erfindung der Neuzeit sind wohl die Kommissionen, und deren Erfinder liegt in Dunkelheit begraben, sein Name ist der Nachwelt unbekannt, sie kann nicht dankbar sein, wenn sie wollte es ist schrecklich … Mit den Kommissionen sorgt man dafür, dass alles ordentlich bleibe, wo es ist. Sie sind die grossen Dämpfer der gärenden Welt…»

    Was würde wohl Gotthelf zu Dämpfern unserer Zeit zu berichten wissen, nämlich die famosen «Meinungsforschungen» und die zeitraubenden «Vernehmlassungsverfahren»?

  4. Die Mauern, die den einstigen Saum- und Feldweg vom jetzigen Hause Fravi-Pajarola weg nach «Burtgets» säumten, wurden geschleift und die Steine für den Bau des neuen Schulhauses verwendet. Für die Gewinnung von Kalk wurde ein Kalkofen auf der «Ruegna» errichtet.
  5. Die alte Schulglocke ist jetzt auf dem Dachreiter des neuen Schulhauses platziert, wird aber nicht mehr geläutet.
  6. Beim Umbau des Schulhauses in den sechziger Jahren wurde das Turnlokal abgerissen.