Censuren

Zu meiner Jugendzeit erzählten alte Leute noch oft von den so genannten «Censuren» und von den Schlussprüfungen in der Kirche.

Die «Censuren» fanden anfänglich alle vierzehn Tage statt, und zwar in Anwesenheit des Schulrates oder eines Ausschusses. Es war eine Art Gericht, das über das Betragen, den Fleiss und die Leistungen eines jeden Schülers gehalten wurde. Verständlich wurden diese «Censuren» jedoch immer seltener abgehalten und schliesslich blieb nur noch die öffentliche Prüfung am Ende des Schuljahres in der Kirche übrig.

Für die Schüler der Abschlussklasse war dieses Examen von besonderer Bedeutung. In der gefüllten Kirche herrschte eine feierliche, aber auch gespannte Stimmung. Die meisten Schüler hatten ein Gedicht vorzutragen, dass sie selbst oder mit Hilfe des Lehrers oder einer anderen hilfsbereiten Person verfasst hatten. [1] Ein Prüfling meint in seiner Ansprache, es sei für jeden Knaben ein grosser Vorteil, wenn er öffentlich auftreten dürfe. Eine Kameradin konterte, dies gelte auch für Mädchen, weil auch sie später bei Taufen, Hochzeiten, Begräbnissen und anderen Anlässen in die Lage versetzt würden, öffentlich das Wort zu ergreifen.

Das Schulexamen, Albert Anker

Geprüft wurden folgende Fächer: Religion, Orthografie, romanische und deutsche Sprache, Rechnen, Geschichte und Geografie.

Es sei noch erwähnt, dass der Schulunterricht während der ganzen Schulzeit so gestaltet war, dass in romanischer wie auch in deutscher Sprache gerechnet, buchstabiert, geschrieben und gelesen wurde. Der Religionsunterricht war durchwegs romanisch.

  1. Ein Schulheft des Schülers Giasep Fravi von Clugin, der in Andeer die Schule besuchte, enthält eine Anzahl der damals vorgetragenen Gedichte, Sprüche und kurze Ansprachen sowie die Namen der beteiligten Schüler. Einige dieser Gedichte sind in diesem Buche im Abschnitt: «Prosa und Gedichte» wiedergegeben.